Karima (16 Jahre)
Ich wurde vor 16 Jahren in Amman, Jordanien, geboren. Meine Eltern, die beide in Deutschland aufgewachsen sind, lernten dort Arabisch. Als ich zweieinhalb Jahre alt war, zogen wir nach Khartum, Sudan. Mit sechs wurde ich in einer englischen Schule eingeschult. Jetzt lebe ich seit August 2004 in Nairobi im AEM Hostel, besuche die deutsche Schule und bin in der elften Klasse.
Ich bin im Sudan ein Fremder. Ich kenne die sudanesische Kultur sehr gut, obwohl mir immer wieder alle hinterher schauen und „khawaja, khawaja“ (Ausländer) rufen, nur weil ich weiß bin. Trotzdem fühle ich mich im Sudan sehr wohl und es ist mein Zuhause. Jeden Sommer fliegen wir in den Ferien nach Deutschland. Meine Eltern sind dann immer schon vorher aufgeregt und erinnern meine Geschwister und mich daran, dass es jetzt bald „nach Hause“ geht. Natürlich sind wir Kinder auch immer aufgeregt und freuen uns auf das Wiedersehen mit Oma, Opa und all den anderen Freunden und Verwandten, aber wir müssen unsere Eltern dann immer wieder daran erinnern, dass sie zwar „nach Hause“ fliegen, wir aber nur nach Deutschland in die Ferien. Wir freuen uns immer nach zwei Monaten Deutschlandaufenthalt wieder zurück in den Sudan zu fliegen. Andererseits würde ich mich nie als Sudanesin bezeichnen. Ich bin auf jeden Fall Deutsche und meine Geschwister auch. Dass kann man z.B. gut während der Fußball-EM beobachten. Da schauen wir jedes Spiel der Deutschen an, schneiden am nächsten Tag Bilder unserer „Stars“ aus der Zeitung und hängen sie dann in Khartum an unsere Wände. Wenn es um Fußball geht, bin ich eindeutig Deutsche. Auch spüre ich jedes Mal, wenn das Flugzeug in Frankfurt landet, dieses Gefühl, endlich wieder da zu sein, wo ich hin gehöre. Oder dieses andere komische Gefühl, wenn man alles, was um einen herum gesprochen wird, verstehen kann und man nicht von allen angeschaut wird. Dieses Gefühl ist einerseits echt toll, ich fühle mich nicht mehr als Fremder. Andererseits fühle ich mich zwar äußerlich nicht mehr anders, aber trotzdem kommen mir diese Menschen mit ihrer Kultur und ihren Ideen, die manchmal nicht über ihren eigenen Tellerrand reichen, total fremd vor. Eine der meistgestellten Fragen an mich und meine Geschwister ist: „Wo gefällt es euch besser, hier oder im Sudan?“. Diese Frage wird uns so oft gestellt und jedes Mal regen wir uns innerlich darüber auf, weil es sehr schwer ist zu sagen, wo es uns besser gefällt oder wo wir uns mehr zuhause fühlen. Vielleicht denken jetzt viele, dass es schrecklich sein muss, wenn man sich nirgends richtig zuhause fühlt, aber eigentlich habe ich das Gefühl nur sehr selten. Meistens ist es so, dass ich mich überall ziemlich schnell einleben kann und auch gleich wohl fühle. Auch sonst hat das Leben als TCK (Third Culture Kid, also Dritt-Kultur-Kind) und MK (Missionary Kid, also Missionarskind) fast nur Vorteile. Ich bin praktisch zweisprachig aufgewachsen und kann beides, Englisch und Deutsch, fließend. Ich bin schon mit so vielen verschiedenen Kulturen in Kontakt gekommen, was nicht nur interessant ist, sondern auch hilft, andere besser zu verstehen und zu akzeptieren. Es ist auch gut, um weltoffener zu werden und nicht zu beschränkt zu sein. Der fast einzige und schwerste Nachteil an einem Leben als TCK sind die vielen „good-byes“ (Verabschiedungen). Ich habe so viele Freunde und Bekannte in der ganzen Welt verstreut, aber andauernd muss ich wieder irgendjemandem „tschüß“ sagen, und es ist wirklich schwer mit allen in Kontakt zu bleiben. Das Gute ist, dass ich auch immer wieder neue Leute kennen lerne.
Ich bin jedenfalls froh, dass meine Eltern in den Sudan gegangen sind und dass ich so ein Glück habe, als TCK im Mittleren Osten aufgewachsen zu sein.